Drei Mal Haff, Inseln und Schären – unsere Ostseesegelreise 2025 mit SY Franz

Diesen Beitrag teilen:

Am 28. April starten wir – Andreas und Dörte Kuring unsere zweite lange Segelreise, nachdem Haus und Hof für die lange Abwesenheit gerüstet sind. Nachdem wir im letzten Jahr viele Erfahrungen auf dem Törn ans nördliche Ende der Ostsee gesammelt haben, wollen wir in diesem Jahr „nur“ zum finnischen Meerbusen segeln. Die Vorbereitungszeit in den Herbst- und Wintermonaten wurde nicht nur für Arbeiten am und im Boot genutzt. Wir haben Seekarten (auf Papier und elektronische) gesichtet und die geplante Reiseroute mehr als einmal besprochen. Ergänzende Reiseliteratur wurde angeschafft, das Internet nach Reiseberichten anderer Segler durchsucht, um deren Erfahrungen nutzen zu können. Und nicht zuletzt sind die Backskisten und Schapps mit Werkzeugen, Reparaturmaterial und Ersatzteilen diverser Art und einem reichlichen Vorrat an flüssigen und festen Lebensmitteln vollgestaut worden, um längere Reiseabschnitte relativ autark durchführen zu können. Wir fühlen uns gut ausgestattet, auch wenn man immer etwas vergisst. So ging es uns mit der Bojenflagge des Schwedischen Kreuzervereins, die den Sommer in Ruhe zu Hause neben der Nähmaschine verbrachte. Wir haben trotzdem ruhigen Gewissens die blauen Anlegetonnen in Schweden genutzt, da wir die Rechnung für die Mitgliedschaft parat hatten.

Nach 211 km Überführung von Berlin via Schleusen und Schiffshebewerk Niederfinow erreichen wir den Dammschen See bei Stettin und stellen mittels der von Andreas selbst gebauten Mastlegevorrichtung vor Anker liegend den Mast. Wir freuen uns, dass unser „Franz“ sich nach sieben Monaten wieder mit seinen weißen Segelkleidern schmücken kann.

Das erste Mal in unserem Seglerleben verlassen wir das Oderhaff und Swinemünde nicht in Richtung Rügen, Bornholm oder Südschweden, sondern segeln entlang der Küstenlinie nach Osten zum heute polnischen Dievenow. Ein Boot der polnischen Küstenwache nimmt uns kurz vor der Hafenzufahrt aufs Korn. Kein Wunder, denn wir sind weit und breit das einzige Boot. Sie begnügen sich mit Fragen nach Woher und Wohin und nach dem Heimathafen, obwohl dieser in großen Lettern an unserem Heck steht. Morgens überlegen wir noch, ob wir heute mit dem angesagten starken bis steifem Wind die Tour nach Kolberg wagen sollen. Nach erneutem Abrufen der Wetterdaten verwerfen wir alle Zweifel. Nach Verlassen des Molenbereiches von Dievenow wird es sehr schaukelig. Die Genua wird gerefft, das Schwert holt Andreas ganz auf.  Mit fast achterlich blasendem Wind (Windböen mit 7-8 Bft – 34 Knoten gemessen) segeln wir an der Küste ostwärts. Die einfallenden Wellen sind ordentlich hoch, die höchsten schätzen wir auf gut 2 m. Ein großes Fahrgastschiff kommt uns aus der Hafeneinfahrt von Kolberg entgegen. Es stampft gegen die hohen Wellen an, der Bug verschwindet teilweise bis zur Hälfte in ihnen. Wir passieren einander vor den Molen, so dass wir die nicht sehr breite Hafeneinfahrt für uns alleine haben. Das beruhigt etwas.

Kolberg/Polen

Und wir haben heute auch darüber nachgedacht, ob wir bisher – also in den vergangenen 23 Jahren, seit wir im Urlaub auf der Ostsee segeln – schon einen Törn gefahren sind, von dem man im Rückblick sagt, dass man an seine Leistungsgrenzen gekommen ist. Nein, dem war nicht so. Die Touren, die wir bisher antraten, konnten wir immer aus eigener Kraft bis zum Ziel durchführen, wobei die Seemannschaft es natürlich erforderlich machte, ggf. den Zielpunkt den aktuell herrschenden Bedingungen anzupassen.

Bevor wir ins Zentrum von Kolberg radeln, besuchen uns zwei nette junge Damen vom polnischen Grenzschutz, ganz in Camouflage gehüllt. Sie scannen erst einmal unsere Ausweise ein. Dann wollen sie noch wissen, Wohin und Woher es uns treibt. Witzig ist: die eine entschuldigt sich bei uns, dass ihre Kollegin die deutschen Ortsnamen nicht beherrscht, die uns natürlich leichter von der Zunge gehen, als die polnischen Entsprechungen. Und auch dafür, dass sie uns so „streng“ kontrollieren, bitten sie um Entschuldigung. Wir haben Verständnis für ihr Vorgehen, soll es doch nur dazu dienen, dass die Gastgeber wissen, wer so alles in ihrem Land unterwegs ist.

Zielpunkt des nächsten Etmals ist Rügenwaldermünde (Darlowko). Mit den Fahrrädern besuchen wir Rügenwalde (Darlowo), besichtigen die Burg der Pommernherzöge und die große Marienbasilika, deren Größe zeigt, welch bedeutender Hafen- und Handelsplatz Rügenwalde einmal war. Weiter segeln wir an Stolpmünde (Ustka) vorbei nach Rowe (Rowy), dessen Hafen eigentlich nicht für größere Segelboote geeignet ist. Die Solltiefe in der Hafeneinfahrt beträgt 1,5 m, tatsächlich hatten wir nur kurz vor den Molen 1,7 m Wassertiefe, im Hafengebiet standen minimal 2 m auf dem Echolot. Andreas hatte vorsorglich schon vor dem Hafen das Schwert fast ganz aufgeholt – das ist unser Trumpf, der es uns ermöglicht, in Häfen oder Gebiete einzulaufen, die nicht jedem Segler offenstehen, wenn er denn einen Festkiel an seinem Boot hat.

Von Rowe segeln wir nach Leba. Die künstliche Zufahrt in den Ort muss wegen Versandung immer wieder freigespült werden. Am folgenden Hafentag besuchen wir die Wanderdünen im Nationalpark. Sie sind ein sehr beeindruckendes Naturschauspiel, auch wenn über die Jahrhunderte so manches kaschubische Dorf unter ihnen begraben wurde und anderswo neu aufgebaut werden musste.

Leba/Polen

Die 56 Seemeilen von Leba nach Hela haben wir in 12 Stunden geschafft, leider nicht alles unter Segeln. Der Besuch beim Hafenmeister verwirrt uns etwas. Er meint, er sei für Wohnmobile nicht zuständig. Wir erklären ihm, dass wir gerade von Leba gekommen sind. Er meint, wir sind per Auto oder Bus gekommen. Erst als Andreas ihm auf seinem Monitor zeigt, wo unser Boot liegt, glaubt er uns, und wir dürfen das Hafengeld bezahlen.

Auf der Danziger Bucht wachsen sich die Wellen zu schaumgekrönten, kleinen Bergen aus. Unser „Franz“ tanzt mit aufgeholtem Schwert über die Wellenkämme hinweg. Nur eine große Welle klatscht an unsere Breitseite und schickt eine kalte Dusche zu uns ins Cockpit. Na gut – die Sachen werden bei diesem Wind bald wieder trocken sein. Wir segeln mit wechselnden achterlichen Winden: wenig Wind sind 5 Bft, Spaß macht es bei 6 Bft und wenn der Windmesser 7 Bft ansagt, denken wir kurz über ein weiteres Reffen der Genua nach. Das Frische Haff erreichen wir über die neue Schleuse Nowy Swiat.  So kann das Haff seit zwei Jahren auch direkt von Polen aus angesteuert werden. Davor war die einzige natürliche Zufahrt zum Gebiet der Weichselmündung von See aus nur über Pillau (das russische Baltijsk) möglich.

Vor der Kanalschleuse von Nowy Swiat kommt ein Mitarbeiter des Kapitanats vorbei und versucht, uns zu erklären, wo wir sind. Leider kann er weder englisch noch deutsch sprechen, und versteht so nicht, dass wir wissen, wo wir sind. Wir sehen zwei polnische Grenzpolizisten auf uns zu kommen. Der eine Beamte erklärt auf englisch, dass die Brücke nicht öffnet, wenn der Wind mit mehr als 10 m/s weht – wobei wir heute weit mehr davon haben. Die beiden polnischen Grenzbeamten zeigen uns, wie man ein Sportboot ordentlich kontrolliert. Beim ersten Besuch nimmt der Grenzer die Pässe und das Flaggenzertifikat mit. Beim zweiten Besuch möchte er noch eine Versicherungsbestätigung für unser Boot haben. Natürlich haben wir vorgesorgt und ein paar Kopien an Bord. Beim dritten Besuch bringt er uns zwar unsere vier Dokumente zurück, möchte aber noch die Skipperlizenz sehen. Wir reichen ihm Andreas‘ Sportbootführerschein „See“ über die Reling, womit er völlig zufrieden ist. Am Ende soll Andreas auf dem Protokoll zweimal unterschreiben. Was da drin steht, wissen wir nicht, alles auf polnisch. Dafür entschuldigt er sich und gibt uns auch eine Kopie des Protokolls, erklärt noch kurz was drin steht – und wir glauben ihm.

Aus der Theorie ist Praxis geworden – wir sind heute – am 15. Mai – ins Frische Haff geschleust worden. Nun segeln wir auf dem zweiten Haff unserer Reise. Die Wellen treffen kurz und hackig auf den Bootsrumpf, kein Wunder bei einer Wassertiefe zwischen 2,8 bis maximal 3,8 m und dem frischen Wind auf dem Frischen Haff. Passt zueinander! Das morgendliche Segeln mit Wind, Regenschauern und abwechslungsreichem Wolkenspiel ist wunderschön.

Frisches Haff/Polen

Wir staunen sehr, dass trotz der Vorsaison die Hafenkanten in Frauenburg (Frombork) mit Booten bereits belegt sind. Der Hafenkapitän kommt an die Pier und weist uns einen Platz zu. Sympathisch ist der uns wegen des starken Schwells im Hafen nicht, aber eine andere Möglichkeit zum Anlegen sehen wir nicht. Dann bekommt „Franz“ auch die letzten unserer sechs kleineren Fender backbords verpasst, dazu den mittleren Kugelfender, den wir vor Jahren dankbar im Greifswalder Bodden aus seinem einsamen Dahintreiben erlöst haben. Und vier Leinen hatten wir sowieso schon ausgelegt, um das bockende Aluminium-Pferdchen im Zaum zu halten. So – fertig fürs erste – jetzt mittags wird endlich der Morgenkaffee gekocht. Die Sonne lugt zwischen den Wolken hervor und lockt zu einem Spaziergang in die kleine Stadt Frauenburg, in der ein großer, weltbekannter Mann – Nikolaus Kopernikus – als Domherr und Astronom gewirkt hat.

Was für eine unruhige Nacht liegt hinter uns! Der Wind schafft es auf einiges über 7 Bft, die entsprechenden Wellen haben ungehindert Zugang ins Hafenbecken, die vertäuten Segel- und Fischerboote steigen im Rhythmus der Wellen auf und nieder. Die Fender knarzen an der gummibewehrten Hafenkante, unser Boot ruckt in den Leinen – es hört sich beängstigend an. Morgens halb vier Uhr ist die Nacht erst einmal vorbei für uns. Andreas erleidet bei jedem Ruck physische Schmerzen und geht in den nächsten Stunden mehrmals raus, um Fender und Leinen zu kontrollieren.

Wir sind kurz vor der Landesgrenze zwischen Polen und Russland im ehemaligen Ostpreußen, die nicht weit entfernt quer über das Frische bzw. Weichselhaff verläuft. Außer den heimischen Fischern sind wir das einzige Boot weit und breit – uns ist schon klar, dass die polnischen Grenzschützer nur wegen uns aufs Haff rausfahren. Das Protokoll der letzten Kontrolle der polnischen Grenzer wird lange geprüft. Der eine Grenzer lächelt: ein Freund von ihm hat das Protokoll erstellt. Und dann tut er uns noch einen großen Gefallen. Von den zwei Zufahrten nach Passarge ist nur noch die südliche befahrbar, versperrt durch eine Zugbrücke. Nach einem Telefonat geht er persönlich zur Zugbrücke und öffnet sie für uns, da der Brückenmeister nicht erreichbar ist. Über so viel Hilfsbereitschaft freuen wir uns sehr! Und schon sind wir in einer von Schilf gesäumten Flusslandschaft unterwegs, auf der Wildgänse mit ihren Küken umher schwimmen. Eine knappe Meile weiter kommen wir im östlichsten Hafen von Polen an.

Von Passarge segeln wir nach Kahlberg (Krynica Morska). Auf dem Steg spricht uns ein polnischer Segler an, der hier am Frischen Haff zu Hause ist. Er spricht recht gut Deutsch, so dass wir einige Informationen austauschen können. Er meint, dass selbst im Sommer wenige Segler auf dem Frischen Haff unterwegs sind, obwohl es ein schönes Segelrevier mit Binnencharakter ist. Wir vermuten, dass es vielen Kielbootkapitänen hier einfach zu flach ist. Wassertiefen von über 4 m sind eher die Ausnahme. Was uns beeindruckt, sind viele, viele Segel auf dem Haff vor dem Sportboothafen – wir zählen mehr als 100 Segel – Laser/Ilca, Zweimannboote, Surfer sind unterwegs. Die polnischen Segelschüler haben hier ein sehr gutes Trainings- und Regattarevier mit dem Wind der Ostsee, der über die Nehrung weht und den moderaten Wellen des Haffs.

Nun verlassen wir das Frische Haff und segeln entlang der ostpreußischen Küste bis nach Memel (Klaipeda). Unser Kurs führt knapp am Rand des polnischen militärischen Übungsgebietes in der Danziger Bucht vorbei. Das gefällt dem polnischen Kriegsschiff in unserer Nähe nicht so sehr. Sie funken uns an und erzählen etwas, was wir nicht so ganz verstehen – Englisch mit polnischem Akzent ist ungewohnt für unsere Ohren. Jedenfalls vermuten wir, dass wir ihrer Meinung nach zu dicht am Übungsgebiet sind. Mit einer Halse ändern wir den Kurs, und gehen nach zwei Meilen zurück auf den alten Kurs. Damit scheinen die Polen zufrieden zu sein. Wir segeln entlang der russischen Seegrenze, hören im Funk die russischen Fischer, die sich genauso „gut“ an die Funkdisziplin halten wie die Berliner Fahrgastschiffer. Und plötzlich fühlen wir uns angesprochen von einem der Schiffe – das Russisch ist gut zu verstehen und ein paar Vokabeln sind aus der Schulzeit doch noch hängen geblieben. Wir sind das einzige „friedliche“ bzw. zivile Schiff im näheren Umkreis, die angegebene Position ist die unsere. Also ändern wir den Kurs um 20 Grad, und alle sind zufrieden. Irgendwann sehen wir kein Land mehr, die Küsten sind im Dunst verschwunden, ein russisches Kriegsschiff zeigt sich in unserer Nähe, als wir dicht an die 12-Seemeilenzone segeln. Mit der nächsten Halse entfernen wir uns wieder von der Zone und ebenso das Kriegsschiff von uns, wie hier zu sehen ist:

Die Sterne zeigen sich am wenig bewölkten Himmel, der Große Wagen steht über uns auf seiner hinteren Deichsel. Als wir die Hafeneinfahrt von Memel (Klaipeda) ansteuern, geht die Morgensonne als rotglühender Ball über dem Küstenstreifen auf. Wir nähern uns der Hafeneinfahrt, die gleichzeitig die recht schmale Mündung der Memel in die Ostsee ist. Starker Strom steht uns entgegen, die alte Dünung aus Westen drückt in die Mündung. Die Wellen sind bis zwei Meter hoch und lang. Unser Boot wird immer wieder ausgehoben. Konzentration ist erforderlich. Gerade in diesem Moment kommt per Funk eine Anfrage des Hafenkapitäns nach dem Woher. Wer wir sind, sehen sie ja im AIS. Ob unser letzter Hafen in Polen lag, erfragen sie mehrmals. Anscheinend ist es ihnen wichtig, dass wir nicht aus einem russischen Hafen kommen, denn dann hätten wir ja einklarieren müssen. Wir legen in der Marina Sandkrug (Smiltyné) gegenüber von Klaipeda an. Jetzt nach 26 Stunden in Fahrt wollen wir nur noch zwei Sachen machen: das Anlegebier trinken und in die Kojen zum Schlafen verschwinden. Wir waren nun erstmals Tag und Nacht auf dem Meer und haben die 113 Seemeilen (unser bisher längstes Etmal aller Törns) vom südlichen Frischen Haff bis zum nördlichen Ende des Kurischen Haffs geschafft. Und damit haben wir das dritte Haff auf dieser Fahrt erreicht und können wieder ein geplantes Ziel erfolgreich abhaken.

Unter Genua segeln wir entlang der haffseitigen Küste der Kurischen Nehrung mit ihren Wanderdünen. In Nidden (Nida) steigen wir am Ende des Ortes die steile Uferkante über eine Treppe hinauf zu einem Haus, das der weltbekannte Schriftsteller der nobelpreisgekrönten Familiensaga „Die Buddenbrooks“ Thomas Mann im Jahr 1930 für sich und seine Familie als Sommerhaus bauen lassen hat. Heute ist es ein Kulturzentrum und das meistbesuchte Museum Litauens.

Nidden/Litauen

Weiter segeln wir quer übers Kurische Haff ins Mündungsdelta der Memel. Aber erst einmal müssen wir das Boot wieder aus dem Flachwasser manövrieren. Bei 90 Zentimeter Wassertiefe wird uns die Weiterfahrt zu heikel. Das Problem ist durch unseren Plotter entstanden, dessen Anzeige wir vertrauten, was leider ein Fehler war. Also fahren wir zurück ins tiefere Wasser und nehmen die Fahrwassertonnen auf der anderen Seite. Dieses Mal mit Erfolg. Nun sind wir am Rand des hiesigen Vogelschutzgebietes, das im Frühjahr und Herbst Raststätte für hunderttausende Zugvögel ist. Im seichten Wasser hinter einem Schilfgürtel erblicken wir mehr als zehn Seeadler. Wir ankern im Flüsschen Upaitis in Ufernähe, sehen einen Eisvogel vor seiner Nisthöhle in der Abbruchkante des Flussufers und erfreuen uns am Gezwitscher der Vögel und dem Quaken der Frösche im Schilf. Mit den Rädern durchqueren wir das Delta. Eine Stichstraße führt uns dorthin, wo Nemunas, Pakalnė und Memel sich teilen und jeder für sich zum Kurischen Haff fließt. Wir stehen nun am Ufer der Memel, womit wir ein weiteres unserer Reiseziele erreicht haben. Die Memel bildet hier die Grenze zwischen Litauen und dem russischen Königsberger Gebiet. Wir können beidseits der Flussufer nicht erkennen, dass hier eine Staatsgrenze verläuft – sehen es nur auf der Karte.

Nach einem Hafentag in Memel (Klaipeda) liegen heute fast 58 sm vor uns, denn zwischen Memel und Liebau (Liepaja) gibt es keine sichere Möglichkeit, zu übernachten. Die beiden Häfen Heiligen Aa (Sventoji) und Papissen (Pape) sind stark von Versandung betroffen und werden nicht zuverlässig ausgebaggert. Nach dem Ablegen erwartet uns die Küstenwache an der Kaikante und hupt uns heran. Wir geben ihr Auskunft, wer und wie viele wir sind und wohin unsere heutige Reise geht. Wir wundern uns schon ein wenig, dass wir uns in den Häfen von Polen und Litauen immer wieder erklären müssen. War das von der EU nicht mal anders gedacht gewesen mit dem Schengener Abkommen? Na gut – wir haben nichts zu verbergen und es wollte auch noch keiner zu uns an Bord kommen.

Nach Aufenthalt und Hafentag in Liebau (Liepaja) mit zufälliger Teilnahme an einem russisch-orthodoxen Gottesdienst bringt uns der nächste Segeltag nach Paulshafen (Pavilosta). Und nun erleben wir auch den hiesigen Hafenmeister in natura, über den wir schon in Reiseberichten gelesen und gehört haben. Er spricht ein sehr gutes Deutsch, dass er sich mit Hilfe von Fernsehsendungen, Schulunterricht und Erasmusstipendium beigebracht bzw. erlernt hat. Er kommt gleich ins Erzählen, so erfahren wir das Eine oder Andere, das nicht im Reiseführer geschrieben steht. Seien es die Unterschiede zwischen Litauern und Letten bezüglich ihrer Gemütsverfassung und der Art zu feiern – die Letten sollen da etwas zurückhaltender sein, sei es der sprachliche Dialekt der hiesigen kurländischen Letten, die von den Letten in Riga nur schwer verstanden werden und umgekehrt genauso, oder auch der Fakt, dass selbst viele Letten wegen der komplizierten Grammatik und der vielen Ausnahmen und Besonderheiten Mühe haben, ihre Muttersprache korrekt zu sprechen.

Liebau (Liepaja) in LettlandRuhnu – estnische Insel im Rigaischen Meerbusen

Von Windau (Ventspils) starten wir zum estnischen Möntu. Für uns wird es im Vorhafen ganz schön kniffelig, denn die in der Seekarte verzeichneten Tonnen sind auf dem Wasser nicht zu finden. Ein Fischer kommt mit dem Fahrrad auf die Mole gefahren und weist uns mit Handzeichen ein, während die Fahrwassertonnen noch gemütlich an Land liegen. Als wir den Hafen wieder verlassen, ist die weite See hier im Rigaischen Meerbusen von dickem Seenebel bedeckt. War es ein Fehler, in diese Waschküche hinein zu segeln? Wir überlegen kurz, finden aber genügend Argumente, um unseren Kurs beizubehalten. Zum einen sehen wir per AIS, welche größeren Schiffe unterwegs sind, außerdem fahren wir abseits des Schifffahrtsweges, und letztlich sind so gut wie keine anderen Sportboote unterwegs. Wir erreichen den Inselhafen von Ruhnu, mitten im Rigaischen Meerbusen.

Wir verlassen die kleine Insel Ruhnu, die wir mit den Rädern erkundet haben, segeln mit ausgebaumter Genua und Bullenstander am Großsegel zügig voran mit vier bis fünf Windstärken. Noch schneller wird es nach der Winddrehung, nun mit fast halbem Wind. Es macht Spaß, mit aufgeholtem Schwert auf den Wellen zu reiten bei einer maximalen Geschwindigkeit von kurzzeitig 7,3 Knoten. Der Wind frischt vor der Front noch einmal ordentlich auf. Wir legen im Hafen von Kihnu gleich am ersten Steg an, vertäuen das Boot ordentlich und verkriechen uns mit den ersten Regentropfen in die Kajüte. Geschafft! 36 sm in knapp 7 Stunden – wir sind sehr zufrieden! Kaum haben wir bei der sehr freundlichen Hafenmeisterin eingecheckt, setzt sie zusammen mit ihrer Kollegin die deutsche Flagge an einem der Fahnenmasten. Wir freuen uns und winken ihnen zu.

Am Hafentag unternehmen wir auf Kihnu eine Radtour über die Insel mit ihren vier Dörfern. Die estnischen Inseln sind fast alle von großflächigen Untiefen umgeben. So wird es jetzt auf der sehr großen Wasserfläche des Vöinmeri, dem Meer zwischen den Inseln, sehr flach. Wir segeln meilenweit auf vier bis fünf Metern Wassertiefe, müssen Untiefentonnen unbedingt beachten, hinter denen das Wasser kaum mehr als einen Meter tief ist. Der Westwind drückt in die Segel, die Wellen werden ruppig. Der für heute angesagte Höchstwert von 18 Knoten Wind ist längst erreicht, in der Spitze haben wir 27 Knoten, das sind Ende 6 Beaufort! Die Segel werden stark gerefft, und trotzdem segeln wir konstant mit über sechs Knoten unserem Ziel entgegen. Das ist mal wieder ein schöner, herausfordernder Segeltörn. Die Gischt der sich häufig am Bootsrumpf brechenden Wellen tut der guten Laune keinen Abbruch, auch wenn sie uns im Cockpit duscht. Bei dem Wind und der wärmenden Sommersonne ist unsere Segelkleidung getrocknet, noch bevor wir im Hafen von Haapsalu anlegen. Die wetterbedingten Hafentage in Haapsalu sind abwechslungsreich:  Domkirche und sehr gut restaurierte Burgruine, Museum der Strickkunst und der Bahnhof, der museal erhalten wird, auch wenn hier seit 30 Jahren keine Züge mehr verkehren.

Wir segeln entspannt an Estlands Nordküste entlang in Richtung Tallinn. Der Wind nimmt weiter zu, die Front scheint eher zu kommen, als angekündigt. Und dann passiert es – eine kräftige Böe ist auszusteuern. Das gelingt nicht optimal, und unser Genuabaum biegt sich wie eine Leberwurst. Da müssen Kräfte am Werk gewesen sein, die ein Rohr von 4 Millimeter Wandstärke einfach mal so verformen. Das ist ärgerlich, denn dieser Genuabaum ist ein Eigenbau in stärkerer Variante als sein Vorgänger, der nur 2 Millimeter Wandstärke hatte und uns vor zwei Jahren vor der Darßer Küste beim Segeln abgeknickt war. Nach diesem Schrecken erreichen wir trotzdem wohlbehalten den Lennusadam (Museumshafen) in Reval (Tallinn), auch wenn der Wind immer weiter zunimmt.

Tallinn/Estland

Nun beginnen ein paar Hafentage in Tallinn, um die Stadt zu erkunden und auch auf günstigen Wind für die Querung des Finnischen Meerbusens zu warten. Wir radeln nach Kadriorg oder Katharinental, einem Sommerschloss, dass Zar Peter I. für seine Familie bauen ließ. Tallinn gefällt uns sehr mit seinem Altstadtkern, der hohen Stadtmauer mit diversen Türmen, die in großen Teilen erhalten ist und den neuen, ansprechend gestalteten Wohngebieten drum herum.

Vor uns liegt ein längerer Segeltag quer über den Finnischen Meerbusen. Kurz vor dem Leuchtturm Kallbådan, der von Weitem zusammen mit dem Leuchturmwärterhaus wie eine Kirche aussieht, die mitten im Meer steht, bekommen wir nach gutem Segelwind von 4 bis 5 Beaufort doch noch ein paar Böen mit 6 Bft ab, die die heraufziehende Regenfront vorausschickt. Mit Blick auf die dunklen Wolken hatten wir gerade noch rechtzeitig das Großsegel eingeholt und die Genua gerefft. Nun schieben uns die größer werdenden Wellen und der dazugehörige Wind mit 5 bis teilweise über 6 Knoten voran ins Fahrwasser und unserem Ziel, der Nybyviken im Bockfjärden entgegen. Morgens wachen wir in der schönen Umgebung der finnischen Schären mit ihren vielen, hübschen Wochenendhäusern auf. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel, ein paar weiße Wolken sind das Sahnehäubchen in dieser Szene. Die „Krönung“ ist die Wassertemperatur am Tag nach der Sommersonnenwende – bei 11 Grad tauchen wir zur Morgenwäsche ins Ostseewasser. Wir sind im inneren Schärenfahrwasser der westlich von Helsinki gelegenen Schären von Porkkala unterwegs. Hier im 40 m tiefen Wasser sieht Andreas die erste Robbe unseres Urlaubs. Wie üblich, schauen diese Tiere gerade bei Flaute des Öfteren aus dem Wasser, um zu sehen, wer da mit so viel (Motor-)Lärm in ihrem Revier unterwegs ist.

Die schöne Ankerbucht von Gunnarsörarna verlassen wir unter Genua. Langsam ziehen die felsigen Ufer der Schären an uns vorbei. Es ist immer wieder beeindruckend, wenn wir so dicht an den Schärenufern vorbeisegeln. Manche werden geradeso vom Wasser überspült, da sollte man sich als Neuling in diesem Seegebiet doch konsequent an den Fahrwassertonnen orientieren. Ein Rundumblick macht uns auf eine seltsame, diffuse Wolkenfront weit hinter uns aufmerksam. Keine viertel Stunde später haben wir dicken Seenebel mit Sicht von kaum 100 Metern. Mit angeschaltetem AIS und den Positionslichtern fühlen wir uns etwas wohler. Trotzdem müssen wir extrem aufpassen, denn wir merken schnell, dass die meisten Schiffe bzw. Boote auf diesem sehr stark frequentierten Fahrwasser der Turkuer Schären weder AIS noch Radar an Bord haben. Also holen wir die Tröte heraus und geben die erforderlichen Schallsignale ab.

im Seenebel im Schärenfahrwasser

Daß es windig wird, war dem Barometerstand zu entnehmen, ebenso der Wettervorhersage. Wir liegen in Nötholmen auf Rosalalandet gut gesichert zwischen Hecktonne und Steg. Als der Wind dann aber doch mit in der Spitze 33 Knoten (vorhergesagt waren 28) auf unser Heck drückt, ist klar, dass wir das Boot für die Zeit des Starkwindes nicht alleine im Hafen lassen. Mit dieser Windstärke von Ende 7 Bft hatten wir in dieser kleinen Bucht, die vom Wald auf den Schären geschützt ist, nicht gerechnet. Am Nachmittag lässt der Wind soweit nach, dass wir unseren „Franz“ alleine im Hafen liegen lassen und zu einer kleinen Radtour aufbrechen. Klein ist gut, am Ende sind es mit dem Besuch des hiesigen Wikingerzentrums und einer Überlandtour (besser Über-zwei-Inseln-Tour) doch 14 Kilometer.

Es bläst und in den Wanten jault der Wind. Uns steht ein weiterer Hafentag auf Rosala bevor. Der Wind soll kräftiger wehen als gestern. Ich habe mich mit Winteranorak und Fließdecke vor dem kräftigen Wind geschützt im Cockpit eingerichtet. Wir haben 17 Grad in der Kajüte – es ist Hochsommer – zumindest kalendarisch! Nach einer Weile scheppert etwas leise am Bootsrumpf. Ich sehe die Öse einer Mooringtonne an der Bordwand entlang wandern und rufe Andreas zu Hilfe. Das ist die zweite abgerissene Mooringtonne im Hafen, am Vormittag hatten wir schon am anderen Steg eine gesehen. Nun hat Andreas Sorge, ob unsere Hecktonne auch auf Wanderschaft geht. Oder hält sie bei bis zu 30 Knoten achterlich einkommenden Wind? Wir bleiben noch länger wach, sind gar nicht müde nach dem bewegungsarmen Tag an Bord und merken, dass der Wind etwas nachlässt. So hoffen wir, dass das Boot sicher am Steg vertäut bleibt.

Wir verlassen Rosala, der Wind bläst nicht mehr sehr. Plötzlich merke ich, dass der Wind anders weht, als vorhergesagt. Aber das ist ein Irrtum. Nicht der Wind ist schuld, sondern wir – ein Missverständnis zwischen uns hat uns ins falsche Fahrwasser geführt. So machen wir eine 180-Grad-Kehre und fahren die eine Seemeile zurück. Wir haben zwei Möglichkeiten, um zur anvisierten Ankerbucht zu kommen. Wir entscheiden uns für den etwas mehr Abenteuer versprechenden Weg ins enge Fahrwasser. Und kaum sind wir in die Bucht zwischen den Schären hinein gesegelt, finden wir auf dem Plotter eine Ankerbucht, die uns auch passend erscheint. Spontan ändern wir den Kurs und schauen uns die Bucht aus der Nähe an, bevor der Anker fällt.

In Turku besuchen wir die mittelalterliche Burg, das abwechslungsreiche Stadtzentrum mit Museumshafen, Markthalle und das nur aus Holzhäusern bestehende Handwerkerviertel. Abends beginnt der Wind immer mehr zu blasen. Der Windmesser auf unserem Mast zeigt 35 Knoten an. Damit hatten wir hier im Hafen im Schutz der bewaldeten Insel Ruissalon nicht gerechnet. Morgens grübelt Andreas noch über das Ablegemanöver bei dem vielen Wind nach, da die Heckpfähle recht weit entfernt sind. Die Boxen sind halt eher für größere Segelboote gedacht. Unser 28-Fuß-Boot zählt auch hier im Revier einmal mehr zu den Zwergen der segelnden Flotte. Am Vormittag gelingt uns dank Andreas‘ guter Vorbereitung ein fehlerfreies Ablegemanöver trotz starken Seitenwinds. Wir kreuzen mit stark gereffter Genua gegen an, um eine unserer vorgeplanten Ankerbuchten zu erreichen.  

Källskär/Åland

Bei Flaute fahren wir unter Motor die sieben Meilen bis Källskär, einer kleinen Schäre am westlichen Rand des südöstlichen Archipels der Ålands bei Kökar. Das Anlegen an einem steilem Granitfelsen ist etwas abenteuerlich, man braucht schon rutschfestes Schuhwerk, um sich auf den Felsen halten zu können. Andreas setzt noch einen Schärenhaken, damit „Franz“ sicher vertäut werden kann. Die Wanderung über den Inselpfad, stellt sich als ein kleiner Höhepunkt auf unserer Ostseereise dar. Westlich von Källskär blicken wir auf die vor uns liegende weite Ostsee, nach Norden und Osten streift der Blick über viele kleine und ganz kleine Schären. Wegen des angekündigten zunehmenden Nordostwindes wollen wir nicht an der Klippe von Källskär übernachten. So geht es nun durch unvermessene Gewässer zur nahen Schäre Idö, in deren Bucht Ankern möglich sein soll. Das ist Abenteuer pur! Wenn die Seekarte keine Auskunft mehr gibt, ist man automatisch vorsichtiger, auch wenn das Echolot ausreichende Tiefen anzeigt. Heute ankern wir einmal mehr etwas abseits der Zivilisation. Internet- und Telefonverbindung sind nur sporadisch vorhanden.

So ganz frei ist das Meer auf dem Weg zum östlichen Åland doch nicht. Ein paar Untiefen, an denen sich die Felsen so langsam in Richtung Himmel erheben, müssen auf dem Kökarsfjärden umschifft werden. Und dann tauchen wir immer mehr ein in das Schärenmeer. Wir segeln jetzt nicht auf einem der vielen Fahrwasser Ålands, sondern suchen uns einen eigenen Weg mittels Seekarten in Papier- und elektronischer Form. Bauchkribbeln wie beim Achterbahnfahren entsteht, wenn neben uns die Felsen gerade so aus dem Wasser ragen, oder Untiefen nur zu erkennen sind, weil sich die Wellen dort brechen. Hier gibt es keinerlei Seezeichen oder ähnliche Markierungen, ohne Plotter wären wir sicher auf verlorenem Posten. Es geht aber alles gut. So erreichen wir die sehr schöne und gut geschützte Bucht Möholm.

Nun weht uns der Wind heute so gut in die Segel, dass wir die für zwei Tage geplanten Etappen in einem Etmal schaffen. Mit nachlassendem Wind schaffen wir es bis zur Djupviken im nördlichen Åland unter Segeln, gleiten um die der Bucht vorgelagerten Schären herum zum Ankergrund am Ende der Bucht. Per Schlauchboot geht es an Land und dann erst einmal steil hinauf durch die Getaberge des nördlichen Ålands, die mit 107 Metern zu den hier höchsten Erhebungen zählen.

Spiegelblankes Wasser morgens in der Bucht sieht nicht danach aus, dass wir heute einen guten, segelbaren Wind bekommen für die Überfahrt nach Schweden. Das Wasser der Ålandsee schwappt nur ganz leicht über den Grund, der stellenweise mehr als 250 m unter uns ist. Und endlich, endlich kommt das von den Wetterfröschen versprochene Lüftchen, dass die Genua füllt. Wir segeln in die schwedischen Schären nördlich von Grisslehamn hinein, schlängeln uns mittels Halsen durch die Untiefen zwischen den Schären. Der Anker fällt auf knapp drei Metern vor Långgrundet. Einmal mehr haben wir zwischen den Schilfufern den Eindruck, wie auf einem Binnensee zu liegen. Heute hat definitiv die Rückreise unseres Segelurlaubs begonnen, denn jetzt geht es entlang der schwedischen Ostküste über die Ålandsee nur noch südwärts. Schade, damit wird es abends immer eher dunkel.

Wir segeln im Norrtäljefjärden bis kurz vor Norrtälje, ankern hinter einer Schäre am Schilfufer. Wir hören die Wildgänse schreien, die mit ihren Jungen das Fliegen üben, Seeschwalben stürzen ins Wasser nach Fischchen jagend, und wenn der Fischadler zu nahe kommt, sind die Seeschwalben trotz ihrer viel geringeren Körpergröße mutig genug, den Adler schreiend in die Flucht zu treiben.

In Norrtälje schwingen wir uns in der Mittagshitze auf die Fahrräder mit Ziel Industriemuseum und der historischen Bebauung am Fluss Norrtäljeäv, dessen Bett mitten durchs alte Stadtzentrum verläuft.

Norrtälje/Schweden

Wir umschiffen das weitgehend unvermessene Gebiet des Söderskärgården, hier gibt es nicht nur Felsen über Wasser, sondern auch sehr viele knapp unter der Wasseroberfläche. Denen wollen wir definitiv nicht begegnen. Nach sieben Stunden und vier Wenden laufen wir das letzte Stückchen unter Motor in den Schärenarchipel von Svenska Högarna ein. Wir fahren auf der Suche nach einer passenden Stelle am Felsen zwischen den Schären eine ganze Stunde hin und her. Vor dem einen Felsen rumpelt erstmal das Schwert, das macht nichts – wird es eben aufgeholt. Aber ein Felsstein unter Wasser – kurz vor dem Ufer – lässt uns dann doch Reißaus nehmen, nachdem „Franz“ den Stein mit dem flachen Boden kurz touchiert hat. Dann legen wir uns lieber mit etwas Abstand neben das schwedische Motorboot, dessen Kapitän gleich hilfsbereit fragt, ob wir Hilfe beim Festmachen brauchen. Morgens höre ich draußen leise das Wasser plätschern. Neben unserem Boot hat sich eine große Schar Küken eingefunden. Nur ein Altvogel passt auf die Kleinen im schwarzen Flaumkleid mit weißen Flecken an jeder Seite des Kopfes auf. Es sieht nicht so aus, dass diese Küken – 72 habe ich gezählt als sie später in Reih und Glied dem Altvogel hinterher schwimmen – alle von nur einem Elternpaar ausgebrütet wurden. Eher scheint es ein Trottellummenkindergarten zu sein.

Wir wollen einen geschützten Ankerplatz erreichen, bevor am Abend ein großes Regengebiet mit viel Wind den Stockholmer Schärengarten erreicht. Der Plotter zeigt uns den engen Weg zwischen den kleinen und größeren Felsen zum Ankerplatz von Biskopsön. Wir müssen aufpassen, rechts und links gibt es viele Felsen unter Wasser oder gerade so darüber, die letzteren sind meistens an den Möwen und anderen Vögeln zu erkennen, die diese besonders flachen Schären gerne zum Ausruhen nutzen. Beim zweiten Ankerversuch ist unser Schwoikreis rundum groß genug, um von den umliegenden untiefen Schärenfelsen frei zu bleiben. Wir haben hier am Vormittag bis 35 Knoten (8 Bft). Bis zum Mittag haben wir schon knapp drei Seemeilen zurückgelegt – schwoiend vor Anker im Starkwind, am zeitigen Abend sind es fast sechs. Zum Glück scheint der Anker zu halten, hoffentlich gräbt er sich nicht so tief ein, dass wir Probleme beim Hieven bekommen werden.

Als wir gestern Abend das heutige Etmal planten, zeigte sich einmal mehr, dass sich das Wetter schlagartig völlig ändern kann. Nach der Wettervorhersage wollten wir eigentlich an der schwedischen Küste entlang segeln, bis wir mit dem aktuellen Südwind auf Höhe von Västervik nach Gotland hätten segeln können. Nun ergibt sich aufgrund der geänderten Windprognose aber die Möglichkeit, von Utö in Richtung Südost nach Gotska Sandön zu segeln. An der Ostseite von Gotska Sandön entlang segelnd, haben wir wieder eines dieser kleinen, aber feinen Reiseerlebnisse. Mit immer weniger Wind im Schutz der Insel ziehen wir am Robbenschutzgebiet vorbei. Und tatsächlich sind jetzt am Abend mit dem Fernglas viele Robben am Strand zu sehen, die im Uferbereich im Wasser Spielenden tauchen immer wieder mit dem Kopf auf und das Jaulen der Robben ist weit zu hören. Wir verstehen ihre Sprache nicht, aber das ist auch nicht erforderlich, um sich am Naturschauspiel zu erfreuen. Wir segeln nun nur noch langsam mit knapp drei Knoten bis hinter das Schutzgebiet, um einen Ankerplatz zu suchen. Begleitet werden wir von zwei Robben, die immer wieder ihren Kopf aus dem Wasser strecken und uns nachschauen. Als wir endlich nach knapp zwölf Stunden in leichter Dünung vor Anker liegen, sind nicht nur wir zufrieden, sondern auch die Robben. Sie schwimmen zurück zu ihrer Kolonie, immer mal wieder sehen wir ihre Köpfe kurz auftauchen.

Raukar auf Gotland

Wir motoren fast die gesamte Strecke von Gotska Sandön nach Fårö, der Insel an Gotlands Nordspitze. Wir machen aus der Not eine Tugend und setzen unseren Kurs möglichst dicht ans westliche Ufer von Fårö. Unter anderem hier sind an der Küste die Raukar zu sehen, Kalksteinformationen, die durch Erosion der Korallenbänke im Meer vor ca. 500 Millionen Jahren entstanden sein sollen.

Slite/Gotland

Bei vier bis fünf Beaufort segeln wir dicht unter Gotlands Ostküste südwärts. So haben wir durch den ablandigen Wind kaum nennenswerte Wellenhöhen. Später kreuzen wir in die Bucht von Ljugarn. Unter Motor laufen wir in die betonnte Rinne in den Hafen ein. Und in der Mitte des Hafenbeckens setzt „Franz“ erst einmal auf dem Schlick auf, hier sind nur eineinhalb Meter Wassertiefe. Zügig holt Andreas das Schwert ein Stück auf und von den 20 Knoten seitlichem Wind lässt er das Boot langsam an die Pier treiben. So legen wir problemlos an.

Heute haben wir segelnd die Südspitze von Gotland umrundet. 36 Seemeilen von der Bucht Sandar an der Ostküste bis zum Ankerplatz in der Bucht Burgsvik an der Westküste bei sehr guten Bedingungen. So weit wie möglich segeln wir in die Bucht, um Schutz vor den Wellen zu finden. Das Echolot spinnt mit seiner Anzeige – hier sind die flachen Uferbereiche voller Seegras, da versagt das Gerät. Mit dem Enterhaken misst Andreas die reale Wassertiefe. Bei ca. 2 m fällt der Anker. Das Schwert hatte der Kapitän kurz vorher schon vorsorglich aufgeholt. Der Anker hält und wir lassen den langen Seetag im Cockpit ausklingen. Da kommt doch noch Besuch vorbei: zwei Seehunde beobachten uns neugierig, was wir wohl in ihrer Seegraswiese machen? Nach einer Weile schwimmen und tauchen sie weiter. Mit diesen Tieren hätten wir hier in der sehr flachen Bucht nicht gerechnet.

Hart am Wind geht der Kurs in Richtung Nordspitze von Öland, hohe Wellen bremsen die Fahrt. Als der Westwind in ein paar Flauten auf Süd dreht, läuft es besser. Durch die schmale Fahrrinne gleiten wir in die Grankullavik, wo nach gut zehn Stunden der Anker vor dem Leuchtturm „Langer Erik“ an Ölands Norra Udde fällt. Den glutroten Sonnenuntergang erleben wir im Cockpit und nicht nur diesen. Nahe des Bootes taucht eine Robbe auf, schaut zu uns herüber. Nach einer Weile verändert sie ihren Standort nicht mehr, ihr Kopf ist andauernd über Wasser zu sehen, ab und an öffnet sie ihre Schnauze, als ob sie gähnt. Anscheinend ist sie eingeschlafen. Wir gönnen ihr die Ruhe und ziehen uns leise in die Kajüte zurück.

Mit Amwind- bis Halbwindkurs segeln wir von Öland über den Kalmarsund zu den Schären vor Oskarshamn. Am Beginn des Fahrwassers kommt etwas Bauchkribbeln auf: links und rechts unseres Weges ragen die Felsen mehr oder weniger aus dem Wasser. Die Fahrrinne ist hier recht schmal. Es ist im Fahrwasser zwischen den Schären teilweise so eng, dass entgegenkommende Boote warten, bis wir passiert haben. Wir sind dankbar! Einem Ausflugsschiff lassen wir freiwillig den Vortritt, bevor es versuchen könnte, uns an einer Schmalstelle zu überholen. Der Schiffer kommt zum Dankesgruß extra aus seinem Steuerhaus heraus. Am Ruhetag in der Säljevik unternehmen wir trotz des sehr warmen Wetters eine Wanderung zum alten Steinbruch von Solberganäset auf der anderen Seite der Schäre. Vom bis vor einhundert Jahren genutzten Steinbruch wurden die Granitblöcke und Pflastersteine mit Schiffen bis nach Stockholm, auch nach Berlin und sogar bis Venezuela nach Südamerika für Paläste, Denkmäler, Verzierungen an Häusern und zu pflasternde Straßen transportiert.

Själevik bei Oskarshamn

Im Kalmarsund kommen wir mit halbem Wind schnell voran. Vor uns liegt das mit kleinen Tonnen abgesperrte Robbenschutzgebiet. Ich steuere knapp an der Grenze entlang. Auf der Seekarte hat die Spitze des dreieckigen Sperrgebietes keine Tonne. Wir sagen noch, dass sie an die äußerste Spitze ruhig eine Tonne hätten hinsetzen können. Kurz darauf poltert es. Mein erster Blick geht aufs Echolot. Aber bei 12 m Wassertiefe kann das nicht das Schwert gewesen sein. Dann sehe ich am Heck eine kleine gelbe Tonne auftauchen. Die hatte ich beim Steuern doch glatt übersehen. Kreuzend erreichen wir die Blekingeschären. In Karlskrona besuchen wir das Marinemuseum. Sogar ein altes Faltboot ist dort zu sehen, es könnte das Vorbild für das heutzutage bekannte Bananaboot gewesen sein.

Wir segeln südwärts auf der westlichen Hanöbucht. Als wir ab Simrishamn direkt an der Flachwasserlinie am Ufer entlang segeln, sind die Wellen so flach, dass unser „Franz“ regelrecht dahinflitzt. Im Tagesschnitt fehlt nicht viel an sechs Knoten. Damit können wir für unsere Bootsverhältnisse sehr zufrieden sein. An der Felsnase von Gislövshammar nördlich von Skillinge ist ein kleiner Sandstrand auf der Seekarte ersichtlich, bei ablandigem Westwind liegen wir hier recht geschützt. Der Anker fällt im bis auf den Grund klaren Ostseewasser, in der Ferne ist die Silhouette von Bornholm zu erkennen.

Im Schein der aufgehenden Sonne werden die Segel am Ankerplatz gesetzt. Von Schweden nach Bornholm geht der Kurs heute, leider mit zu wenig Wind. Nur gute 7 sm können wir segeln. Den Rest bis Rønne lassen wir den Flautenschieber arbeiten. Da wir jetzt drei Tage nicht an Land waren, wollen wir eine Runde laufen. Die Eisdiele direkt gegenüber dem Hafen ist wegen der sehr schmackhaften Eissorten ein lohnendes Ziel. Aber wir haben Pech! Die Eisdiele ist jetzt ein privates Wohnzimmer. Wir sind nicht die Einzigen, die das bedauern. Ein deutsches Pärchen, die gerade mit den Rädern kommen, finden es genauso schade. Und am Abend bekommen wir noch eine Dose Bier von der Kapitänin des Nachbarbootes geschenkt. Es soll eine kleine Entschädigung für das etwas unprofessionelle Anlegemanöver sein, dass die „Isolde“ mit ihrer Chartercrew absolviert hat.

Vor Sonnenaufgang klingelt der Wecker. Eine dreiviertel Stunde später legen wir ab. Noch im Hafen kreuzt ein Fischotter unseren Weg, taucht aber ob der Gefahr lieber ab. Wir haben heute Glück mit Windrichtung und -stärke. Es ist kein harter Amwindkurs, den wir in Richtung Klein Zicker am südöstlichsten Zipfel von Rügen steuern. Auch die Wellenhöhen passen, nur wenige grenzen an Meterhöhe und werden ausgesteuert, um das Boot nicht allzu sehr abzubremsen. Bei vier bis Anfang fünf Beaufort reffen wir beide Segel und unser „Franz“ rauscht übers Meer. Wir segeln am Südperd vor Thiessow knapp vor dem steindurchsetzten Ufer entlang. Mit aufgeholtem Schwert haben wir einen Tiefgang von einem halben Meter. So sind auch die Untiefen vor Klein Zicker kein Problem für uns und wir ersparen uns den längeren Anfahrtsweg im offiziellen Fahrwasser zum Zicker See. Nach zwölfeinhalb Stunden in Fahrt fällt der Anker etwas abseits des Fahrwassers zum Hafen von Thiessow in einer unserer gern angelaufenen Buchten von Rügen.

auf dem Oderhaff

Nun sind wir nach vier Monaten wieder zurück im heimatlichen Deutschland. Die weitere Heimfahrt dehnen wir noch etwas aus mit Segeln und Landgängen auf und am Achterwasser und Oderhaff. Auf dem Dammschen See legen wir den Mast und motoren auf der Westoder zur Havel-Oder-Wasserstraße und zurück zum Heimathafen in Schmöckwitz, wo wir nach 4 ½ Monaten anlegen.

Statistik:
– Reisedauer: 143 Tage (davon 91 Tage in Fahrt, 32 Hafentage, 14 Tage abgewettert wegen Sturm, 6 Tage binnen mit gelegtem Mast unterwegs)
– Strecke: 2.134 sm Seestücke (1.571 sm unter Segeln + 563 sm unter Motor) und 426 km im Binnenland

SY Franz vor Ljugarn auf Gotland
Diesen Beitrag teilen: